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Geislingen - Über 500 Jahre Fachwerk

Geislingen - Über 500 Jahre Fachwerk



Geislingen an der Steige bildet, im Südosten der Region Stuttgarts gelegen, mit seinen knapp 27.000 Einwohnern ein Mittelzentrum für umliegende Gemeinden. Die historische Stadt am Rande der mittleren Schwäbischen Alb, befindet sich in einem Talkessel, der zum einen durch die Fils, zum anderen durch das Zusammentreffen mehrerer Flüsse geprägt wurde. Diesem Umstand verdankt die Stadt ihre umgangssprachliche Bezeichnung „Fünftälerstadt“.
Der Alte Zoll in Geislingen diente bereits im 15. Jahrhundert als Fruchtkasten und Unterkunft für die Zöllner der Stadt. Der Alte Zoll in Geislingen diente bereits im 15. Jahrhundert als Fruchtkasten und Unterkunft für die Zöllner der Stadt.
Urkundlich erwähnt wurde Geislingen erstmals im Jahr 1108 unter dem Namen Giselingen. Die offizielle Stadtgründung erfolgte schließlich im 13. Jahrhundert durch die Grafen von Helferstein. Im Juni 1850 wurden mit der Geislinger Steige im wahrsten Sinne des Wortes die Weichen für die Industrialisierung der Region gelegt: Mit der Fortführung der Ostbahn bis Ulm wurde mit diesem Teilstück die erste Strecke des württembergischen Eisenbahnnetzes von Heilbronn nach Friedrichshafen vervollständigt. Bereits zu dieser Zeit prägten jene Gebäude die Stadt, die Geislingen noch heute als Kulturdenkmale erhalten sind und zugleich bis in die Gegenwart praktischen Zwecken dienen.


Schätze für den Denkmalschutz

Das Stadtbild Geislingens ist von zahlreichen Fachwerkhäusern geprägt. Im Einvernehmen mit der Stadt hat das Landesdenkmalamt etwa 160 Kulturdenkmale in der „Liste der Kulturdenkmale – unbewegliche Bau- und Kunstdenkmale in Geislingen“ erfasst. Dabei existieren in Geislingen ebenso Gebäude, die in ihrer historischen Bausubstanz erhalten sind, wie originale Nachbauten altehrwürdiger Gebäude. Die klassische Fachwerkhausbauweise selbst begünstigt die Restaurierung und Erhaltung der teilweise jahrhundertealten Häuser. Ähnlich wie bei einem Bausatz erlaubt sie den Austausch einzelner Bauelemente, ohne den Gesamtbestand abtragen zu müssen. Bei heutigen Massivbauten wäre eine derartige Erhaltungsweise undenkbar.


Das Fachwerkhaus

Das Fachwerkhaus – in der Schweiz auch als Riegelhaus bekannt – besteht in der Regel aus einem tragenden Holzgerüst, dessen Zwischenräume meist mit einem Holz-Lehm-Verbund oder Ziegelwerk gefüllt sind. Die Fachwerkbauweise zählt bereits seit der Antike zu den vorherrschenden Bauweisen in Mitteleuropa. Sie war bis in das 19. Jahrhundert nördlich der Alpen weit verbreitet. Die Gebäude wurden in einer Skelettbauweise errichtet: Dabei bildeten etwa 10 bis 18 Zentimeter dicke, quadratische Balken das Grundgerüst des Gebäudes. Aufeinander treffende Teile wurden verzapft und meist mit Holznägeln gesichert. Dabei war es üblich, die Löcher leicht versetzt zu bohren, um die Zapfen zusätzlich zu verankern. Dank ihres modularen Aufbaus können Fachwerkkonstruktionen in aller Regel ab- und gänzlich wieder aufgebaut werden, altersmorsche Bauelemente sind austauschbar. Nicht zuletzt dieser Umstand trug zur Erhaltung zahlreicher Fachwerksbauten in Geislingen bei, deren altersschwache Konstruktionen sukzessive durch neue Teile ersetzt werden konnten, ohne die tatsächliche Bauweise des Hauses grundlegend zu verändern.
Der Alte Bau von 1445 ist eines der größten Fachwerkhäuser Deutschlands und beherbergt heute das „Museum im Alten Bau“. Der Alte Bau von 1445 ist eines der größten Fachwerkhäuser Deutschlands und beherbergt heute das „Museum im Alten Bau“.


Die künstlerische Ausgestaltung der Fachwerkhäuser ist regional äußerst verschieden. Neben dem Einbau dekorativer Hölzer, die keine tragenden Funktionen inne haben, über Schnitzereien und Bemalungen an den Fassaden reichen die Verzierungen bis hin zu Stuckelementen oder symbolischen Ornamenten an den Hauswänden. Erst zum Ende des 18. Jahrhunderts, als das Bauholz in Mitteleuropa begann knapper zu werden, und die relativ dünnen und reparaturanfälligen Wände den Ansprüchen ihrer Erbauer nicht mehr genügten, traten Massivbauten und die Verwendung anderer Baustoffe an die Stelle des Fachwerks. Dennoch finden sich in Geislingen imposante Beispiele dieser jahrhundertealten Bauweise, die seit ihrer Erbauung vor teilweise über 500 Jahren bestehen und noch heute in das Alltagleben der Stadt integriert sind.


500 Jahre Zoll

Die Gründung des ursprünglichen Geislingen ist eng mit einer ertragreichen Zollstation am alten Handelsweg zum Mittelmeer verbunden. Der „Alte Zoll“, ein repräsentatives Gebäude des historischen Geislingen, bildet daher einen imposanten Vertreter des mittelalterlichen Fachwerkbaus. Das dreigeschossige giebelständige Gebäude wurde im 15. Jahrhundert erbaut. Es bildete nicht das erste Zollhaus der Stadt, dennoch ist davon auszugehen, dass es seinerzeit an der Stelle des vorigen Zollhauses erbaut wurde. Es stellt ein eindrucksvolles Beispiel mittelalterlicher Holzbaukunst dar und befindet sich aufgrund der Austauschbarkeit einzelner Gebäudeelemente trotz seines Alters in einem guten Zustand. Es diente den Zollbeamten bereits vor 500 Jahren als Unterkunft und beherbergte den städtischen „Fruchtkasten“, in dem die eingehenden Zehnten und Gülten der ulmischen „unteren Herrschaft“ gelagert wurden. Heute bietet das historische Gebäude einem Reisebüro und einem Buchladen Platz. Die oberen Geschosse dienen als Wohnraum.
Viele repräsentative Gebäude Geislingens, wie das Alte Rathaus, bilden wunderschöne Beispiele mittelalterlicher Fachwerkskunst. Viele repräsentative Gebäude Geislingens, wie das Alte Rathaus, bilden wunderschöne Beispiele mittelalterlicher Fachwerkskunst.


Fruchtkammer der Stadt

Eines der bekanntesten und beein-druckendsten Gebäude der historischen Altstadt Geislingens bildet der neungeschossige „Alte Bau“ aus dem Jahr 1445. Auch dieses Gebäude, das eines der größten Fachwerkhäuser Deutschlands ist, diente der Bevölkerung der Stadt als Frucht- und Kornkammer. Die Positionierung des Gebäudes, direkt angrenzend an die innere Stadtmauer, lässt seine Wichtigkeit für die damalige Stadtbevölkerung erahnen. Heute befinden sich im „Alten Bau“ das „Museum im Alten Bau“, das Zeugnisse der Geschichte, Tradition und Kultur der Region in sich vereint, das Südwestdeutsche Schatztruhenmuseum und die Städtische Galerie mit Wechselausstellungen regionaler und überregionaler Künstler.


Historische Mauern wie neu

In unmittelbarer Nachbarschaft zum „Alten Bau“ befindet sich das ehemalige Kornschreiberhaus, das dem einstigen Kornschreiber, dem Leiter des städtischen Kornamts, als Wohnhaus diente. Der im Laufe der Jahrhunderte mehrfach veränderte Bau wurde 1989 abgetragen und ab 1992 unter teilweiser Verwendung originaler Hölzer über dem in gleicher Lage verbliebenen Keller wiederaufgerichtet. Für den Wiederaufbau des zweigeschossigen Baus von 1397 war der architektonische Ist-Zustand um 1500 maßgeblich. Dabei konnte ein für das historische Gerüst- und Gefüge des Hauses bedeutender Anteil an Originalhölzern an alter Stelle wieder eingebaut werden, wobei der Umfang der original verwendeten Teile nach oben hin zunimmt. Während im Erdgeschoss lediglich Rähme und Mittleunterzug verwendet werden konnten, wurden im Obergeschoss unter anderem auch die Mehrzahl der Ständer einschließlich des profilierten Eckständers am Fenstererker sowie die Mehrzahl der Deckenbalken verwendet. Das Dachgerüst ist mitsamt seinen Sparren nahezu vollständig überliefert. Teilweise konnten sogar die originalen Holznägel wiederverwendet werden.

Die „Fünftälerstadt“ Geislingen besticht durch eine allgegenwärtige Mischung aus zeitgemäßer Architektur und historischer Bausubstanz. Die „Fünftälerstadt“ Geislingen besticht durch eine allgegenwärtige Mischung aus zeitgemäßer Architektur und historischer Bausubstanz.
Noch immer Kulturgut

Da das Kornschreiberhaus zwar komplett abgetragen und wieder aufgebaut wurde, aber anhand originaler Bauweisen und unter möglichst großer Verwendung originaler Bauteile wiedererrichtet wurde, zählt es auch heute noch zu den denkmalgeschützten Gebäuden Geislingens. Für die Stadt bildet das ehemalige Kornschreiberhaus zum einen die älteste überlieferte Haussubstanz, zum anderen steht das Gebäude in einem jahrhundertelang belegten funk-tionalen Zusammenhang mit dem benachbarten Kornhaus und bildet daher – so die Einschätzung des Landesamts Baden-Württemberg – sowohl ein heimatgeschichtlich wie wissenschaftlich wertvolles Objekt, dessen Erhaltung nach denkmalschutzrechtlichen Richtlinien im öffentlichen Interesse liegt, obgleich es streng genommen in der heutigen Form keine zwanzig Jahre alt ist. In dem restaurierten Bau, der sich in Privatbesitz befindet, war bis vor kurzem noch ein Restaurant untergebracht, das derzeit allerdings nicht mehr besteht. Die obere Etage wird noch heute als Wohnraum genutzt.



Quelle: Haus & Grund Württemberg August '11